«Hei, das isch äs tolls Resultat! Oder nid?»

Grossratswahlen 2010

...diese SMS gibt der Verunsicherung Ausdruck, die selbst in meinem engeren sozialen Umfeld weit verbreitet zu sein scheint. Der erste Ersatzplatz - Grund für eine freudige Gratulation oder doch eher Anlass für wohlig-tröstende Anteilnahme? Die Meinungen gehen offensichtlich auseinander, die Mehrheit hat sich jedoch im Rahmen der Nach-Wahl-Rückmeldungen für letzteres entschieden.

Immerhin war es ja auch so in der Presse zu lesen: «Der SP-Gemeindepräsident von Aegerten, Stefan Krattiger musste zugunsten seiner PSR-Genossin und bisherigen Grossrätin Michèle Morier-Genoud verzichten. Dies obwohl Krattiger aufgrund der Stimmenanzahl den Sprung in den Grossen Rat geschafft hätte.» Der Krattiger, das Quoten-Opfer. Von einer vom Minderheitenschutz verwöhnten Romande gewaltsam vom bereits in Beschlag genommenen und angewärmten Grossratstrohn gestossen. Brutal, überraschend, mitleidserregend. Wirklich?

Die Sitzgarantie der Kandidierenden aus der französischsprachigen Schweiz im Wahlkreis Biel-Seeland ist für Schreibende im Nachgang kantonaler Wahlen ein sicherer Wert. Da können Geschichte geschrieben und Opfer bezeichnet werden. Emotionen sind garantiert. Alle Wahl-Jahre wieder. Nein, nein, die Frage dürfe keineswegs suggestiv begriffen werden, beteuert die Journalistin am Telefon leicht betupft. Um dann fortzufahren: «Aber finden Sie denn die Quote nicht falsch?» Das klare Nein wird journalistisch zu einem «Krattiger gibt sich tags darauf jedoch gelassen» umgebaut. Falsch. Er war und ist gelassen. Aber das ist halt nicht ganz so aufregend.

Stellen wir doch das Ding vom Rücken, auf dem es lag, wieder auf die Beine: Niemand hat mir einen Sitz weggenommen, noch habe ich ihn an jemanden abtreten müssen. Verzichtet habe ich auch nicht. Ich war zu keinem Zeitpunkt Grossrat. In Tat und Wahrheit ist es viel einfacher: Ich wurde schlicht und ergreifend nicht gewählt. Punkt. Die Romand-Quote ist eine Spielregel, über deren Sinn und Unsinn, deren zweckmässige Ausgestaltung und deren Berechtigung man vortrefflich streiten kann. Aber sicher nicht nach der Wahl und aufgrund persönlicher Betroffenheit. Die Spielregeln der Wahl waren im Vornherein bekannt und sie waren klar.

Klar, da wird jemand an meiner Stelle gewählt, obwohl sie weniger Stimmen auf sich vereinen konnte als ich. Wo aber genau das Problem oder gar die himmelschreinende Ungerechtigkeit erkennbar sein soll, bleibt ein Geheimnis. Jedes Wahlsystem, das vom reinen Majorz abweicht, produziert unvermeidlich solche Konstellationen. Auch der Proporz an sich. Der SVP-Kandidierende, der letzter auf seiner Liste geworden ist, könnte sich auch beklagen, dass er doch deutlich mehr Stimmen bekommen habe, als der gewählte und lachende Grüne. Tut er aber nicht. Weil das halt die Regeln des Proporz sind. Niemand käme auf die Idee, dass da jemand einem anderen den Sitz geklaut hätte. Tut er es dennoch, outet er sich lediglich als schlechter Verlierer.

Zusammenfassend: Nein, ich bin kein Quoten-Opfer und hadere nicht mit dem Wahl-Schicksal. Ja, ich finde meinen ersten Ersatzplatz hinter den ausser Reichweite liegenden Bisherigen voll in Ordnung.

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