«Die Politik ist mein Hobby»

Gmeindsmuni - Gemeindepräsidentenwahl 2009

Nicole Hättenschwiler | 29.09.2009 | Artikel in der Berner Zeitung / im Bieler Tagblatt |

Er ist höchstwahrscheinlich das jüngste Gemeindeoberhaupt im Kanton Bern. Die Stimmberechtigten von Aegerten haben diesen Sonntag den 26-jährigen Stefan Krattiger (SP) zum neuen Gemeindepräsidenten gewählt.

Würde man Stefan Krattiger irgendwo auf der Strasse begegnen, käme man wohl kaum auf die Idee, dass da ein angehender Gemeindepräsident vor einem steht. Mit seinen Jeans, den Stoffschuhen und dem hellblauem Hemd würde man ihn eher in die Schublade Student stecken. Dabei wurde der 26-Jährige am Sonntag zum neuen Gemeindepräsidenten von Aegerten gewählt. In einer Kampfwahl setzte er sich gegen den gut doppelt so alten Ueli Kocher durch.

Nicht unbedingt für Fusion

Der Vergleich mit dem Studenten kommt nicht von ungefähr. Im März schloss Krattiger sein Studium der Politologie und Volkswirtschaftslehre an der Universität Bern ab. In seiner Lizentiatsarbeit untersuchte er die Bedeutung von emotionalen und kulturellen Faktoren bei Gemeindefusionen. «Meine These war, dass die Leute ihre Meinung oft schon gebildet haben, bevor Studien den wirtschaftlichen Nutzen einer Fusion zeigen.» Ob dies auch in Aegerten der Fall ist, wird sich noch zeigen. Seit einiger Zeit wird dort nämlich laut über eine Fusion mit der Nachbargemeinde Brügg nachgedacht. Dass er eindeutig für eine Fusion sei, wie dies während des Wahlkampfs oft gesagt wurde, weist Stefan Krattiger von sich. «Ich finde es aber wichtig, dass eine Machbarkeitsstudie durchgeführt wird, um zu sehen, ob es tatsächlich sinnvoll wäre», fügt er hinzu. «Schliesslich müssen die Stimmberechtigten entscheiden, ob sie einen Zusammenschluss wollen oder nicht.» Es könne jedoch nicht sein, dass in zwanzig Jahren der Vorwurf komme, man habe da etwas verschlafen.

«Einfach so passiert»

Von «Verschlafen» kann bei Krattigers politischer Karriere hingegen keine Rede sein. Bereits als 20-Jähriger zog er in den Aegerter Gemeinderat ein. Und heute, mit 26 Jahren, ist er der künftige Präsident der 1800-Seelen-Gemeinde. Dabei habe er dies alles andere als geplant, betont der Single. Seine Eltern etwa seien «eher unpolitisch». Vielmehr sei das Ganze schleichend passiert. Als 17-Jähriger – «damals wollte ich noch Grafiker werden» – gestaltete er das Programmheft der Jugendkommission. «Irgendwie bin ich dann in die Kommission hineingeschlittert.» Und nachdem er als Listenfüller auf der Gemeinderatsliste erschienen war, begann die Geschichte ihren Lauf zu nehmen.

Keinen Draht zum Volk?

Auch seine Studienwahl sei eher ein Kurzschlussentscheid gewesen. Viele Leute würden denken, ein Politologiestudium sei eine Art Berufslehre zum Politiker. Dies sei keineswegs der Fall, sagt er. «Doch man lernt analytisches Denken, erhält ein Verständnis für Mechanismen und Zusammenhänge.»

Dass die Gegenseite ihm und der jetzigen Gemeindebehörde mangelnden Bezug zur Bevölkerung vorgeworfen hat, ärgert Krattiger. «Das ist lächerlich. Wer keinen Draht zur Bevölkerung hat, der wird auch nicht gewählt.» Und schliesslich stimmte am Sonntag die Mehrheit der Aegerter für den 26-Jährigen. Bei einer rekordverdächtig hohen Wahlbeteiligung von 62,1 Prozent erzielte er 461 Stimmen. SVP-Mitglied Kocher kam auf 302. «Bei diesen Zahlen kann man kaum von einem Wahlunfall reden», sagt Krattiger.

700 Stunden pro Jahr

Er freue sich auf jeden Fall auf seine neue Aufgabe und auf die Zusammenarbeit mit dem Gemeinderat. Als Schwerpunkte nennt er die Gemeindeentwicklung, gewisse Baulücken sowie das Projekt mit Brügg.

Sein Vorgänger, Noch-Gemeindepräsident Fredy Siegenthaler (SP), hat ausgerechnet, dass er etwa 700 Stunden pro Jahr für das Präsidium investiert habe. Zusammen mit seiner Stelle bei der SP Schweiz käme Krattiger so auf ein Arbeitspensum von rund 120 Prozent. Bleibt da überhaupt noch Zeit für Hobbys? Stefan Krattigers Augen hinter der markanten Brille blinzeln schelmisch. «Hobbys? Das hier ist mein Hobby.»

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