Beide wollen Präsident werden

Gmeindsmuni - Gemeindepräsidentenwahl 2009

Marco Oppliger | 18.08.2009 | Artikel im Bieler Tagblatt

Erfahrung gegen Jugend - Ueli Kocher gegen Stefan Krattiger. Einer von beiden wird in Aegerten am 27. September neuer Gemeindepräsident. Das BT stellt die Kandidaten vor.

In Aegerten bricht am 1. Januar 2010 eine neue Ära an. Dann nämlich beginnt die Amtszeit eines neuen Gemeindepräsidenten. Dies, weil Fredy Siegenthaler (SP) nach zwölf Jahren im Amt nicht mehr zur Wahl antreten will. Nun erheben beide Aegerter Ortsparteien Anspruch auf den Posten. Die SP möchte das Amt nahtlos an Stefan Krattiger übergeben. Die bürgerliche Ortsvereinigung will dies hingegen mit der Kandidatur von Ueli Kocher verhindern.

Keine Aussenseiter

«Aegerten ist mir wichtig, schliesslich bin ich ein Einheimischer», sagt Ueli Kocher. Er betreibt im Dorf einen Landwirtschaftsbetrieb, den er zusammen mit seinem Sohn Thomas führt. Dies war auch ein wichtiges Kriterium, weshalb Kocher zur Wahl antritt. «Ich liess mir zwei Monate Zeit, bis ich einen Entschluss fasste. Denn ein solches Amt nimmt Zeit in Anspruch», erklärt er. «Hätte die Familie Nein gesagt, wäre für mich eine Kandidatur nicht in Frage gekommen», sagt Kocher. Er ist seit 33 Jahren in der Ortsfeuerwehr, zehn Jahre davon als Kommandant, «das ist eine Leidenschaft von mir». Durch seine Tätigkeit als Feuerwehrkommandant hatte er immer wieder mit der Gemeinde zu tun, zudem sass er auch in diversen Kommissionen (siehe Infobox). Ein Amt in der Exekutive hatte er indes noch nie inne. Der Landwirt sieht darin aber keinen Nachteil. «Es schadet nicht, wenn jemand Frisches diesen Posten übernimmt.» Deshalb sieht er sich auch nicht als Aussenseiter. «Die Leute kennen mich, sie wissen, wie ich bin. Ich bin sicherlich nicht Favorit, aber auch nicht Aussenseiter.»

Dasselbe behauptet auch Stefan Krattiger von sich. «Das Rennen ist offen. Aber von der Erfahrung her habe ich einen PlusPunkt.» Krattiger ist 26-jährig, sitzt aber bereits seit 2004 im Gemeinderat. Sein jugendliches Alter wird immer wieder als Argument gegen eine Kandidatur gebracht. «Das Alter ist kein Kriterium für mich. Ich brauche mich dank meiner Erfahrung nicht zu verstecken. Ich kenne sowohl die Geschäfte im Gemeinderat als auch das politische Geschehen auf kantonaler und nationaler Ebene bestens.» Krattiger studierte in Bern Politikwissenschaft und Volkswirtschaft. Heute arbeitet er als Projektleiter in der politischen Kommunikation bei der SP (siehe Infobox). Wie Kocher ist auch Krattiger ein waschechter Aegerter. «Mir liegt das Dorf am Herzen, ich möchte deshalb einen Beitrag leisten, dass es weiter aufwärts geht.» Denn in den letzten Jahren habe der Gemeinderat gute Arbeit geleistet, so Krattiger.

Steuerzahler anlocken

Allerdings, und das ist in Aegerten ein Politikum, hat die Gemeinde einen relativ hohen Steuerfuss (1,89). Der Jung-Politiker glaubt die Probleme dafür zu kennen. «Unsere Infrastruktur würde problemlos 700 Leute mehr vertragen.» Deshalb sei das Ziel, mehr Leute, und somit auch Steuerzahler, nach Aegerten zu locken. Diese sollen aber laut Krattiger nicht bloss im Dorf wohnen, sie sollen auch am Dorfleben teilnehmen. Er denkt hier an junge Familien. Deshalb soll die Gemeinde langfristige Investitionen in die Infrastruktur tätigen, beispielsweise die Baulücken im Dorf schliessen. «Somit wäre es denkbar, unter Umständen mittel- bis langfristig den Steuerfuss zu senken.»

Eine Steuersenkung müsse nicht à tout prix sein, findet Ueli Kocher. Dass die Baureserven überbauen werden, sei jedoch wichtig. «Wir müssen uns familienfreundlicher verhalten.» Kocher hat sich zudem vorgenommen, bei einer Wahl die Bevölkerung mehr zu involvieren. Auf die letzte Legislatur wurden der Gemeinderat und die Kommissionen verkleinert. «Ich möchte mehr Leute um mich haben, die mich beraten», sagt Kocher. «Deshalb stelle ich mir vor, für wichtige Geschäfte Ad-hoc-Kommissionen einzuberufen.» Dies sei auch ein gutes Mittel für die Rekrutierung von Gemeinderäten, die sonst schon schwer genug sei. Dem steht Sozialdemokrat Krattiger grundsätzlich positiv gegenüber. «Es dürfen allerdings nicht einfach Kommissionen geschaffen werden, damit es Kommissionen gibt.» Wichtig sei, dass diese auch über genug Kompetenzen und Aufgaben verfügen würden. «Es sollte aber eine Fachkommission sein, und nicht bloss ein Gefäss für Parteiengeplänkel.»

Fusion: Ja oder Nein?

Bis jetzt sind sich die beiden Kontrahenten also einig. Aber es gibt durchaus Konfliktpotenzial. So beim Thema Gemeindefusionen. Für Aegerten ist dies in naher Zukunft wohl das wichtigste Geschäft. Die Gemeinde prüft eine engere Zusammenarbeit oder gar eine Fusion mit Nachbar Brügg (das BT berichtete).

Für Politwissenschaftler Krattiger ist dies ein sehr relevantes Thema. Er hat sogar seine Lizenziatsarbeit darüber geschrieben. Dort erforschte er den Einfluss von sogenannten weichen Faktoren, beispielsweise geschichtlichen Hintergründen zweier Gemeinden. «Aegerten und Brügg haben diesbezüglich keine Ressentiments. Vielfach arbeiten sogar die Vereine zusammen.» Er sei grundsätzlich offen für eine Fusion. «Man muss alle Optionen prüfen, deshalb machen wir ja eine Machbarkeitsstudie.» Als Gemeinderat sitzt er auch in der Projektgruppe. «Wir müssen Grundlagen schaffen. Es geht ja nicht darum, das Dorf zu verkaufen. Vielmehr gilt es zu prüfen, ob für beide Vorteile erzielt werden können.» Ueli Kocher ist da etwas anderer Meinung. «Ich glaube, dass Aegerten ganz gut alleine leben kann.» Die Dossiers und die Ergebnisse der Vorstudie kennt er allerdings nicht, da sie noch nicht öffentlich sind. «Deshalb bin ich auch gesprächsbereit. Aber die Studie zeigt sicher auch Schwächen auf.»

Zwischen den beiden Kandidaten liegen 26 Jahre Altersunterschied. Trotzdem kennen – und respektieren sie sich. «Wir kommen gut aus. Ich möchte einen Schlagabtausch vermeiden. Wer gewählt wird, ist dann halt gewählt», so Kocher. Auch Krattiger will nicht «dräckele». Die SP hat im Gegensatz zur Ortsvereinigung bereits mit dem Wahlkampf begonnen (vgl. Titelseite). «Wenn Wahlen sind, sollte man auch Wahlkampf machen, damit die Leute wissen, mit wem sie es zu tun haben», so Krattiger, «wir haben sicher noch ein paar Pfeile im Köcher.»

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