Auf Facebook für die Aegerter kämpfen

Gmeindsmuni - 100-Tage-Bilanz als Gemeindepräsident

Marco Oppliger | 19.04.2010 | Artikel im Bieler Tagblatt

Stefan Krattiger ist seit 100 Tagen Gemeindepräsident von Aegerten. Mit seinen erst 26 Jahren gehört er zu den Jüngsten dieser Zunft. An Erfahrung mangelt es ihm trotzdem nicht.

Nun schläft er gut. Das war vor einem halben Jahr noch anders. Als Stefan Krattiger letzten September zum neuen Gemeindepräsidenten von Aegerten gewählt wurde, war es mit der Ruhe kurzzeitig vorbei. «In der Nacht nach den Wahlen habe ich nicht viel geschlafen», sagt er, «ich fragte mich, ob die Kandidatur wirklich eine gute Idee war». Nun nach 100 Tagen im Amt haben sich diese Zweifel gelegt. «Eigentlich schon bei Amtsantritt», wie Krattiger betont. Denn er könne sich auf ein gutes Team in der Verwaltung und im Gemeinderat verlassen.

Trotz seiner erst 26 Jahre – ein Neuling ist Krattiger nicht. Seit 2004 sitzt er im Aegerter Gemeinderat. Zuvor war er in der Jugendkommission tätig.

Durchbruch mit Postauto

Der Unterschied vom Gemeinderat zum Präsidenten sei spürbar, sagt Krattiger, insbesondere in zwei Bereichen. «Die Leute haben mehr Respekt vor diesem Amt. Dadurch kann man mehr bewegen und das ist schön.» Er erzählt die Geschichte eines Einwohners, der persönliche Probleme hatte. «Ich habe mich dann direkt eingeschaltet und so konnten wir ihm helfen.» Allerdings gebe es auch Schattenseiten. «Man muss manchmal zweimal überlegen, was man sagt. Denn es entsteht schnell der Eindruck, dass die Meinung des Gemeindepräsidenten die Meinung des ganzen Dorfes ist. Und das ist nicht zwingend immer so.»

Dabei weiss Krattiger durchaus, wie er die Aegerter hinter sich scharen kann. Als die Neuerung der Buslinie Biel–Lyss per Postauto zu Verspätungen führte, intervenierte er mit seinen Amtskollegen aus Studen, Brügg und Worben bei der Postauto AG. Mit dieser Aktion drang er als Gemeindepräsident erstmals an die Öffentlichkeit. «Die Leute haben bei unserer Verwaltung reklamiert, da sahen wir, wie wichtig dieser Bus für Aegerten ist», sagt Krattiger. Die Situation habe sich nun gebessert, sei aber noch nicht optimal. Deshalb sei man nach wie vor in Kontakt mit der Postauto AG.

Mit etwas mehr Glück hätte sich Krattiger beinahe auch auf der kantonalen Politbühne präsentieren können. Bei den Grossratswahlen Ende März wurde er gewählt, musste seinen Platz wegen der Romand-Quote aber an die Bielerin Michèle Morier-Genoud abtreten. Groll verspürt er deswegen keinen. «Ich erfreue mich lieber am guten Resultat.» Es ärgere ihn viel mehr, dass die SP bei den Wahlen schlecht abgeschnitten habe, sagt Krattiger, der bei der Partei als Projektleiter tätig ist. Als erster Ersatz könnte er aber bald in den Grossen Rat nachrutschen. «Dann müsste ich wohl das Arbeitspensum reduzieren, sicher aber nicht bei der Gemeinde zurückschrauben.»

«Wir sind nicht bloss jung»

Krattiger ist nach Mario Stegmann aus Studen der jüngste Gemeindepräsident im Kanton Bern. Gleichzeitig wurde Ende März der 18-jährige Jenser Jan Gnägi in den Grossen Rat gewählt. Ist die Region ein guter Nährboden für Jungpolitiker? «Wahrscheinlich. Schliesslich grenzen die drei Gemeinden im Jäissberg aneinander», sagt Krattiger lachend, wird dann aber ernst. «Wir sind nicht bloss jung, wir haben immerhin einen anständigen Wahlkampf betrieben und uns engagiert.»

Als Jungpolitiker wählt Krattiger auch neue Kommunikationswege. So publiziert er viel auf der Internetplattform Facebook. «Bei der Geschichte mit dem Postauto erhielt ich Mails von jungen Aegertern. Diese wären wahrscheinlich mit ihren Anliegen nicht direkt zu mir gekommen, da die Hemmschwelle bei Jüngeren etwas höher ist», sagt er.

Daneben trifft man den Herrn Gemeindepräsidenten auch ab und zu im Ausgang an. «Das führt manchmal zu lustigen Situationen.» Dass die Leute wegen seines Alters weniger Respekt vor ihm hätten, glaubt er aber nicht. «Ich habe neun Jahre Gemeindepolitik betrieben, da wird man ernstgenommen.»

Das bescheinigen ihm auch die Gemeinderatskollegen. «Ich sass bereits im Gemeinderat, als er vor sechs Jahren gewählt wurde», sagt Daniel Rossel (SP), «er hat sich in dieser Zeit hervorragend entwickelt». Dass Krattiger der Jüngste im Rat ist, sei kein Problem, sagt Rossel. «Im Gegenteil, dadurch ist er offen für Neues, das ist wichtig für uns.» Auch Marlis Schneider (Ortsvereinigung) lobt den Präsidenten. «Er arbeitet speditiv, das ist für uns angenehm.» Und seine Ausbildung als Politologe sei sicher auch ein Vorteil.

Keine Propaganda

Aegerten befindet sich im Wandel. Mit der Ortsplanungsrevision entwickelt sich das Dorf weiter. Zudem prüft die Gemeinde eine Fusion mit Brügg, derzeit läuft eine Machbarkeitsstudie. «Wir warten nun einmal die Ergebnisse ab», sagt Krattiger. «Es wäre unseriös, wenn ich für oder gegen eine Fusion Propaganda machen würde.» Bis die beiden Gemeinden wirklich eine Entscheidung treffen müssen, dürfte es noch eine Weile dauern; nächstes Jahr gilt es ernst. Somit bleiben Krattiger also noch ein paar ruhige Nächte.

Kommentare (1)Add Comment
Journis & Facebook
geschrieben von Stefan Krattiger, 19. April 2010
Es ist schon erstaunlich, welche Faszination Facebook auf die schreibende Zunft auszuüben scheint: Zuerst werde ich dank Facebook gewählt, jetzt regiere ich auch noch via Web 2.0. Auch wenn ich die PostAuto-Story jetzt nicht unbedingt als DEN Erfolg anpreisen würde. War jetzt auch nicht unbedingt der politische Schwerpunkt der ersten 100 Tage...

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