«Verstanden werden ist der Schlüssel»

Parteisoldat - Interviews

Stefan Krattiger | 16.12.2010 | Interview mit Pascale Bruderer Wyss im «links» 114

Ende November ist das Amtsjahr von Pascale Bruderer Wyss als Präsidentin des Nationalrats und höchste Schweizerin zu Ende gegangen. Im Gespräch mit «links» schaut sie zurück.

Bist du froh, die Bürde des Amtes wieder los zu sein?
Wie heisst es so schön: Ein Auge lacht, das andere weint. Es ist ein wunderschönes Amt. Vieles werde ich vermissen. Ich freue mich aber auch, dass ich mich jetzt wieder sachpolitisch positionieren kann.

Wie stark musstest du dich zurücknehmen?
Sehr stark. Das war ein bewusster Entscheid, aus Respekt gegenüber dem Amt. Man vertritt als Präsidentin nicht die Mehrheit des Parlaments, sondern die Institution in ihrer Gesamtheit. Dem habe ich konsequent Rechnung getragen und ich denke, das wurde von Rat und Bevölkerung auch geschätzt. Das Nationalratspräsidium soll nicht für persönliche oder parteipolitische Interessen missbraucht werden – das gilt für jeden Präsidenten und jede Präsidentin genau gleich.

Ist das manchmal nicht wahnsinnig schwierig?
Doch, natürlich! Zum Beispiel dann, wenn sich jemand während der Debatte zu einem Thema äussert, mit dem man sich selber stark beschäftigt. Anstelle einer Reaktion im Rat gibt man dem- oder derjenigen dann halt mal bei einem persönlichen Gespräch eine Rückmeldung. Die Zurückhaltung in Sachgeschäften gehört nun mal zur Rolle der Nationalratspräsidentin – das weiss man ja im Voraus, man stellt sich darauf ein.

Hast du dich denn wohl gefühlt in deiner Rolle?
Ja, ich habe das Amt sehr gerne ausgeübt und mich breit getragen gefühlt – von der gesamten Bevölkerung, über Generationen- und Parteigrenzen hinweg. Und natürlich hoffe ich, dass ich trotz der übergeordneten Rolle helfen konnte, die Wahrnehmung der SP in der Öffentlichkeit zu stärken.

Inwiefern?
Dass man einer jungen Frau die Möglichkeit gibt, dieses Amt zu übernehmen, war ein mutiger Entscheid der Fraktion. An dieser Stelle möchte ich der Fraktion für das mir ausgesprochene Vertrauen herzlich danken - und auch der Partei. Ich bin früh in die Politik eingestiegen, vor vierzehn Jahren. Mein politischer Weg hat via kommunales und kantonales Parlament in den Nationalrat geführt. Diese Schritte waren nur möglich, weil in der SP diese Chancen auch jungen Leuten bewusst gewährt werden. Für diese Förderung und Unterstützung bin ich sehr dankbar – wenn ich in diesem Jahr etwas zurückgeben konnte, freut mich das.

Wie sehr geht dieses Amt an die persönliche Substanz?
Tatsächlich fühle ich mich nun ziemlich müde, wie nach einer langen Reise. Und das war es in gewissem Sinne auch – eine Reise durch viele Regionen, mit ganz vielen Begegnungen. Ich bin zufrieden und mit einem Herz voller positiver Erfahrungen zurückgetreten. Aber eben, ich merke auch, dass es streng war und die Batterien weniger voll sind als auch schon.

Wenn man bereits mit 33 Nationalratspräsidentin ist, was kann da noch kommen?
Ich habe mich bei einem Amt nie gefragt, wohin das vielleicht führen könnte. Klar, wenn ich auf die letzten 14 Jahre zurückblicke – Einwohnerrat, Grosssrat, Nationalrat und Nationalratspräsidentin – sieht das aus wie ein ausgeklügelter Plan. Aber den hat es nie gegeben. Wichtig war mir immer, im akutellen Amt mein Bestes zu geben – ohne schon an den nächsten Schritt zu denken. Auch im letzten Jahr habe ich all meine Energie in dieses Amt gesteckt und ich bin froh, dass ich jetzt ein paar Wochen ein bisschen «zurückfahren» kann. Ich habe keine Angst, jetzt in ein Loch zu fallen. Ich schöpfe meine Motivation nicht aus Ämtern, sondern aus Überzeugungen und politischen Inhalten. Ausserdem: Wer so jung in die Politik einsteigt wie ich, weiss auch, dass es ein Leben nach der Politik geben muss.

Hast du dir eigentlich zu Beginn deiner Amtszeit Ziele gesetzt?
Zwei Aufgaben gibt das Gesetz vor: Die Nationalratspräsidentin muss einerseits die Sessionen vorbereiten und die Sitzungen leiten sowie andererseits das Parlament national und international vertreten. Zusätzlich widmete ich mich einer dritten Aufgabe, nämlich dem Brückenschlag aus dem Bundeshaus heraus zur Bevölkerung.

Den Ratsbetrieb hattest du im Griff?
Bei der Leitung des Ratsbetriebs war es mir wichtig, optimale Rahmenbedingungen für die eigentlichen Akteure, die Ratsmitglieder, zu ermöglichen. Eine Parlamentspräsidentin soll meines Erachtens nicht im Zentrum der Wahrnehmung stehen. Wenn ein Schiedsrichter beim Fussball seinen Job gut macht, spricht nach dem Abpfiff ja auch niemand über ihn. Ich bereitete mich intensiv auf jedes Geschäft vor, denn ein übersichtlicher, für alle nachvollziehbarer Ratsbetrieb war mir wichtig. Und die positiven Rückmeldungen seitens der Ratsmitglieder zeigen mir, dass das gelungen ist und geschätzt wurde.

Und wie sieht deine Bilanz als «Botschafterin» aus?
Ich führte viele Gespräche, hörte oft lange zu, versuchte Fragen zu beantworten und offene Punkte zu klären. Das war nicht immer einfach, aber stets sehr interessant. Die Finanz- und Wirtschaftkrise beschäftigte die Leute verständlicherweise stark. Und auch weitere brisante Themen gab es genug . Ich war zwischen zwei schwierigen Volksabstimmungen Parlamentspräsidentin, nämlich zwischen der Minarettsverbots- und der Ausschaffungs-Initiative. Diese Themen waren auch in internationalen Diskussionen häufig präsent. Es war mir ein Anliegen, für unsere direkte Demokratie hinzustehen und sie zu erläutern – in ihrer ganzen Faszination und auch mit den damit verbundenen Herausforderungen.

Wie ist denn die Wahrnehmung im Ausland?
Die Wertschätzung gegenüber der Schweiz ist nach wie vor gross! Die Schweiz wird positiv wahrgenommen – mit ihrer humanitären Tradition und mit einem politischen System, das auf Ausgleich, Konsens und Machtteilung setzt.

Die Medienberichterstattung der letzten Tage war anders…
Ja, und ich hätte mir natürlich auch einen anderen Entscheid gewünscht. Trotzdem stelle ich deswegen nicht das politische System in Frage. Anpassungen in gewissen Punkten mögen sinnvoll und wichtig sein, am Kern der direkten Demokratie hänge ich jedoch sehr. Sie erinnert uns immer wieder daran, wie wichtig die Nähe zur Bevölkerung ist. Wie wichtig es ist, ihre offenen Fragen zu beantworten.

Hast du das auch in deinen direkten Begegnungen gemacht?
Ja. Mir war es wichtig, für die Leute spürbar zu sein. Ich habe ganz bewusst auch viele kleinere Veranstaltungen besucht. Dort kommt man mit den Menschen ins Gespräch – viel eher, als an einem Grossanlass im VIP-Bereich. Die «höchste Schweizerin» tönt für mich abgehoben, nicht hoch oben wollte ich sein. In der Romandie ist die Nationalratspräsidentin «la première citoyenne», das gefällt mir viel besser. Für all die vielfältigen Begegnungen habe ich mir gerne viel Zeit genommen. Das hat viel Energie in Anspruch genommen, aber auch ein Vielfaches davon zurückgegeben.

Ist die SP oft zu weit weg von den Menschen?
Das letzte Jahr hat mir gezeigt, wie nah wir mit unseren Themen bei den Leuten sind: Anfang Jahr war die Arbeitslosigkeit ein wichtiges Thema, bis heute sind es die exzessiven Löhne und Boni. So wie es unsere Themen sind, müssen auch wir selber präsent sein bei den Leuten. Begegnungen und direkte Gespräche werden im Wahljahr der Schlüssel zum Erfolg sein. Dafür - gerade auch fürs Zuhören - sollten wir uns genügend Zeit nehmen. Und damit wir verstanden werden, müssen wir einfach bleiben – nicht im Inhalt, aber in der Kommunikation. Verstanden werden ist zentral in der Politik, wie überall.

 


Ergänzt

Der schönste Moment war…
…die Vereidigung der zwei neuen Bundesratsmitglieder. Und das Bewusstsein, dass Simonettas Einzug in den Bundesrat erstmals zu einer Frauenmehrheit in der Regierung führt.

Der schlimmste Moment war…
… kein bestimmter. Aber klar, es gab einige politische Blockaden im Parlament, die mich geärgert haben.

Das schönste an diesem Amt…
…sind kleine, alltägliche Begegnungen. Eine ältere Dame hat mich mal im Tram am Arm gepackt und mir mit Tränen in den Augen erklärt, dass sie noch Zeiten erlebte, da hätten Frauen in der Politik nichts zu suchen gehabt. Nun freue sie sich einfach wahnsinnig, wie anders das heute sei.

Nicht vermissen werde ich…
…dass ich mich vor Volksabstimmungen mit meiner Meinung zurückhalten muss.

Am meisten überrascht hat mich…
…die grosse Wertschätzung, die diesem Amt entgegengebracht wird. Die Nationalratspräsident wird überall nicht nur mit formellen Ehren, sondern auch äusserst herzlich empfangen.

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